Während Corona im Alltag vieler Menschen zunehmend an Bedeutung verloren hat, kommen die Ermittlungen zu Betrugsfällen mit Schnelltests nun richtig auf Touren. Die Ausmaße sind größer als erwartet.

Alleine die Stadt Berlin rechnet aktuell mit einem Gesamtschaden von etwa 142 Millionen Euro durch Betrug im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie. Rund 30 Millionen davon fallen auf falsch abgerechnete Corona-Tests im Jahr 2021. Die meisten der Tests haben niemals stattgefunden.

Zuletzt hatte „Spiegel TV“ in einer umfangreichen Reportage darüber berichtet und zahlreiche Missstände im Zusammenhang mit der Prüfung und Abrechnung hunderter Testzentren in Berlin aufgedeckt.

Tausende Tests abgerechnet – aber niemals durchgeführt:

Konkret geht es um Millionen aus Steuergeldern, die von der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) an Testzentren gezahlt wurden – ohne deren Arbeit jedoch angemessen zu kontrollieren. So wurde unter anderem berichtet, wie die Testzentren anfangs lediglich Strichlisten einreichen mussten, um die Anzahl der getätigten Tests nachzuweisen. Pro Test kassierten sie dann zwischen 8 und 12 Euro. Wieviele Tests tatsächlich durchgeführt wurden und ob die angegebene Anzahl überhaupt realistisch sein konnte, wurde laut Spiegel TV gar nicht oder nur sporadisch überprüft. Teils wurden Abrechnungen eingereicht, laut denen angeblich innerhalb von 2 Minuten über 60 Personen durchgetestet worden seien – bei der Größe der entsprechenden Testzentren ein Ding der Unmöglichkeit.

Ein 46-Jähriger, der vor einigen Wochen in Berlin festgenommen wurde, soll beispielsweise rund neun Millionen Euro mit seinem Teststationen erschlichen haben. Täglich hatte er 30.000 Euro zu viel abgerechnet. Sechs Millionen von der Beute sollen sich bereits auf einem Konto von Komplizen in der Türkei befinden, wie unter anderem „rbb24“ berichtete.

Corona-Betrüger nahmen bundesweit rund 1 Milliarde ein:

Mittlerweile ermittelt das Landeskriminalamt (LKA) in Berlin in etwa 400 Verfahren gegen Teststationen. Demnach wäre in rund einem Viertel aller Berliner Testzentren falsch abgerechnet worden. Würde man den erwarteten Schaden auf ganz Deutschland hochrechnen, hätten die Test-Betrüger deutschlandweit rund 10 Prozent der von der Bundesregierung für die Tests bereitgestellten 10,5 Milliarden Euro erbeutet. Die Kriminellen dürften sich somit womöglich über mehr als eine Milliarde aus betrügerischen Machenschaften freuen.

Ermittlungen wegen Untreue:

Weil die KV offensichtliche Verdachtsfälle nicht oder nur unzureichend an die Staatsanwaltschaft Berlin weitergeleitet hat, prüfen die Ermittler nun auch, ob sich der Vorstand der Kassenärztlichen Vereinigung womöglich wegen Untreue strafbar gemacht hat. Die KV hat die Vorwürfe bisher zurückgewiesen.